Verfasst von: horicon | 31. August 2007

Der Experte bist vielleicht Du selbst!?

Unsere Welt wird von Experten und Spezialisten gedeutet. Schlage die Zeitung auf, höre Radio oder sieh Fernsehen – zu jedem wichtigen und unwichtigen Thema findet sich ein Auskenner, der dir erklärt, was es damit auf sich hat. So ist das also, alles klar. Gut, dass es Experten gibt!

Dumm nur, wenn sich ein anderer Experte mit einer anderen Erklärung meldet, wenn die Expertenmeinungen also auseinander gehen oder überhaupt nicht miteinander kompatibel sind.

Aber was ist eigentlich ein Experte? Wikipedia definiert einen Fachmann als eine Person, die auf mindestens einem Fachgebiet umfangreiches Wissen hat bzw. auch spezielle Fähigkeiten. Er verfügt also im Gegensatz zum Generalisten über eine große Wissenstiefe. Manchmal ist ein Wissensvorsprung gegenüber dem Rest ausreichend, um Spezialist zu sein.

Du selbst solltest deshalb zum Beispiel allein aufgrund deines Wissensvorsprungs Spezialist für dein eigenes Leben sein, denn wer sollte dich besser kennen als du dich selbst? Insofern ist es vielleicht auch nicht so dramatisch, wenn die Aussagen des Spezialisten sich mit deiner Lebenswirklichkeit beim besten Willen nicht decken lassen.

Wenn ich zum Beispiel die Ernährungsempfehlungen aller Experten zusammennehme und mich danach richte, verhungere ich mit großer Sicherheit. Was für den einen Experten das Nonplusultra, ist für den anderen schlicht Gift. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig, was Fachleute uns darüber erzählen, denn wir haben einen sehr sicheren Experten direkt in uns. Er wird Appetit genannt und er sagt uns genau, was wir jetzt gerade brauchen. Manchmal sind auch Süßigkeiten dabei oder Eisbein und Bier. Wir müssen nur lernen darauf zu hören und acht geben, dass uns nicht etwas untergejubelt wird, was unseren Appetit überlistet. Die „Nahrungsmittel“-Industrie beschäftigt dafür extra Fachleute.

Wenn man sich einmal mit dieser körpereigenen Intelligenz beschäftigt, dann hört man plötzlich noch viel mehr in sich, hört sich um und fragt zunehmend öfter, ob das wirklich so ist oder überhaupt sein kann. Vor allem hört man öfter weg, wenn Experten etwas erzählen. Diese Intelligenz, die jedem Menschen eigen ist, unterwandert den allgemeinen Glauben an Experten und regt an, sich eigene Gedanken zu machen – nicht nur über das Essen, sehr schnell dann auch über Gesundheit und Medizin, irgendwann auch über Wissenschaft und Politik. Ja, das bedeutet auch Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Die Muster und Motivationen, wie und warum Experten argumentieren, sind überall recht ähnlich… Immerhin leben Spezialisten davon, dass wir als Nicht-Spezialisten keine Ahnung haben und die Fachleute uns die Wahrheit erzählen können – zumindest über das meist recht schmale Wissensgebiet, in dem sie Spezialisten sind. Allerdings nehmen wir Menschen an, dass die Welt ein Kontinuum ist, ein Zusammenhang, in dem alles miteinander verbunden ist. Das ist ein grundlegender Glaubenssatz, denn sonst könnten wir kaum sinnvoll darüber reden, in einer Welt zu leben. Das Wort „Welt“ meint genau diesen Zusammenhang. Wissenschaft teilt die Welt in Fachgebiete auf und Fachleute schaffen sich immer kleinere Sachgebiete, in denen sie König sind. Und so haben wir eine Art „Wissens-Kleinstaaterei“ geschaffen.

Aber vielleicht kann das Hören auf den eigenen Appetit dazu führen, dass du irgendwann zunehmend Experten misstraust und selbst dein „Welt-Experte“ wirst. Finde die Instanzen in dir selbst, die Wahrheit von Halbwahrheit oder Lüge unterscheiden können – es gibt sie, auch in dir. Sie haben seltsam altmodische Namen wie eben Appetit, Intuition, Gewissen, Wahrheit.


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