Die Ausgangsfrage ist relativ einfach und naheliegend: woher „wissen“ die Gene, wann sie sich an welcher Stelle zu welchen Zellen differenzieren müssen, damit ein vollständiger menschlicher Körper entsteht, der z.B. die Augen in Links-Rechts-Ausführung an der richtigen Stelle im Kopf und nicht unter den Füßen hat? Komplizierter ausgedrückt, ist es die Frage nach den Formbildungsursachen, die Philosophen seit Platon umgetrieben hat.
Rupert Sheldrake entwickelte in seinem 1981 erschienen Buch eine Theorie der morphischen Felder, die diesen Prozess erklären sollte. Sheldrake unterscheidet in morphogenetische Felder, die als Organisationsfelder einen Einfluss auf die Formgebung in der Natur nehmen und Felder, die soziales Verhalten beeinflussen. Morphischen Feldern wohnt ein Gedächtnis inne, das sich durch Resonanz bildet.
Mit dem Originaltitel A New Science of Life hatte Sheldrake seinen Anspruch deutlich gemacht und bewusst war ihm sicher, das sein theoretischer Ansatz revolutionär war. Wie es revolutionären Theorien ergehen kann, können wir jetzt in einer komplett überarbeiteten Neuausgabe aus Anlass der 25-jährigen deutschen Erstausgabe lernen.
Trotz viel Lobes in der Öffentlichkeit erwarb Sheldrake schnell das Privileg, in einem Leitartikel vom Nature-Herausgeber Sir John Maddox „als Spitzenkandidat für eine Bücherverbrennung“ eingestuft zu werden. Karriereförderlich war das sicher nicht, denn Leitmedien in den Naturwissenschaften wie Nature und Science haben eine enorme Bedeutung für die Karriere und damit auch für die Verteilung von Forschungsbudgets gewonnen. Aber Wissenschaft wird durch Forschungsbudgets, durch Gremien zur Vergabe der Forschungsbudgets und durch Gremien, die über die Besetzung der Gremien zur Vergabe von Finanzen entscheiden, gesteuert. Der Bürger und Steuerzahler kann in diesen Prozess faktisch nicht eingreifen, denn der Wissenschaftsbetrieb ist strukturell nicht demokratisch angelegt.
Kein Wunder, dass Wissenschaft sich vom Leben der Menschen abgekoppelt hat. Smart aufgepeppte Wissenschaftsnachrichten, gutgemeinte Versuche von PR-Agenturen und Multimedia-„Exploratorien“ haben diesen Prozess nicht aufhalten können. Laien nehmen am Forschungsprozess nicht teil – weder bei der Setzung von Zielstellungen (z.B. für den Einsatz neuer Technologien), noch bei Experimenten noch bei der Diskussion der Ergebnisse, bei der Vergabe von Mitteln schon gar nicht… Dabei wäre Beteiligung möglich und sinnvoll. Sheldrake hat Experimente vorgeschlagen, an denen interessierte Laien teilnehmen können und Versuche, die Laien selbst durchführen können. Auch sein Vorschlag, ein minimales Budget von einem Prozent für die Unterstützung von Privatforschern zu reservieren, um die Kreativität und Unabhängigkeit dieser vom Aussterben bedrohten Exoten nutzen zu können, hat ihm sicher wenig Freunde in der akademischen Wissenschaft eingebracht. Aber welch ein innovatives und kreatives Potential könnte dadurch genutzt werden! Zugleich sollten sich die Nachwuchsprobleme in den Naturwissenschaften von selbst lösen. Sheldrake hatte mit seinen Veröffentlichungen und Experimenten für jeden interessierten Laien am Kern akademischen Selbstverständnisses genagt.
Sheldrake publizierte seine Theorie zu einer Zeit, in der sich die Forschung in eine stark reduktionistische Richtung mit einer geradezu mechanistischen Sicht auf die Natur entwickelte. 1981 begann gerade der Siegeszug der Molekularbiologie und unbestreitbar hat diese Richtung seitdem rasante Fortschritte gemacht. Ein anderer Ansatz und ein neuer naturwissenschaftlicher Beschreibungshorizont, wie von Sheldrake vorgeschlagen, schienen damit schlicht überflüssig zu sein. Jetzt erst zeichnen sich langsam die Grenzen der modernen molekularbiologischen Ansätze ab. Die Quantenphysik nahm zur gleichen Zeit im Gegensatz dazu die gegenläufige Richtung, hin zu einem ganzheitlichen Ansatz. In der Nature-Debatte hatte der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Brian Josephson in Bezug auf die Fortschritte der Molekularbiologie weise angemerkt: „Wenn man im Verlauf einer Reise auf seinem Weg schnell vorankommt, bedeutet das weder, das man seinem Ziel nahe ist, noch dass man überhaupt, indem man weiter der gleichen Route folgt, sein Ziel erreichen wird.“ Fortschritt allein ist weder ein Qualitäts- noch ein Wahrheitskriterium, vielmehr ist der Glaube an den Fortschritt eine der unreflektierten Annahmen moderner Naturwissenschaft.
Wer Jahrzehnte gegen den Trend arbeitet, entwickelt eine andere Perspektive. Obwohl Sheldrake seine Hypothese ausführlich an Beispielen aus Biologie und Chemie diskutiert und biologisches Grundwissen hier nicht nur von Vorteil sondern Pflicht ist, ist es im Grunde ein philosophisches Buch. Die Frage nach dem Ursprung der Formbildung ist seit Platon ein zentrales Problem der Philosophie und Sheldrake diskutiert diese Frage auf der Basis moderner Naturwissenschaft: das ist spannend! Auch auf einer metaphysischen Ebene hatte er mit seiner Theorie die Schwachstelle moderner Lebenswissenschaft getroffen. Die Naturwissenschaften geben das Versprechen einer restlos aufgeklärten Welt ohne die unnötige Annahme einer (wie immer gearteten) Transzendenz machen zu müssen. Der Fortschritt hat gesiegt, wenn auch keiner das Ziel wirklich kennt, noch gar darüber ernsthaft nachdenkt. Kein Wunder also, dass metaphysische Philosophie heute scheinbar unnötig geworden ist. Aber „wissenschaftliche und metaphysische Fragen werden häufig nicht deutlich genug voneinander geschieden, da die mechanistische Theorie vom Leben und die metaphysische Theorie des Materialismus so eng beieinander liegen. (S. 268 ) Naturwissenschaften stehen jeder Metaphysik feindlich gegenüber, ohne sich im geringsten dessen bewusst zu sein, dass sie selbst natürlich auch metaphysische Grundannahmen machen: natürlich haben sie basale Vorstellungen darüber, wie die Welt ist, wie Naturgesetze in Raum und Zeit funktionieren und wie Fortschritt und Ziel der angenommenen Entwicklung aussehen – sie reflektieren das nur nicht. Metaphysik machen immer die anderen. Selten ist mir so klar geworden, wie sehr Naturwissenschaft auf philosophische Metaphysik angewiesen ist, wenn sie nicht selbst unterderhand zur Metaphysik werden will (oder schon ist). Sheldrake ist sich dieser Problematik bewusst, wenn er am Ende des Buches in der Zusammenfassung vier mögliche Schlussfolgerungen aus seiner Hypothese zieht, die von einem modifizierten Materialismus, in dem nicht nur physikalische Felder, sondern auch morphische Felder als Teilaspekte der Materie verstanden werden, bis hin zu einem transzendentalen Bewusstsein diskutiert, das das Universum nicht auf ein Ziel hin entwickelt, sondern sein Ziel in sich selbst hat (also Gott).
Der Dialog mit dem Quantenphysiker David Bohm im Anhang rundet die Komplexität des Themas noch einmal ab, wenn die Naturwissenschaftler an die Grenzen des Wissens stoßen. Den Autor habe ich nicht parat, aber der Spruch passt einfach: „Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht einen zum Atheisten, aber am Boden des Bechers wartet Gott.“
Aktuelle Informationen gibt es auf der deutschen Webseite von Rupert Sheldrake.
Rupert Sheldrake: Das schöpferische Universum: Die Theorie der morphogenetischen Felder und der morphischen Resonanz
München (Nymphenburger) 2008 (3. komplett überarbeitete Neuausgabe)
ISBN 978-3-485-01132-7