Verfasst von: horicon | 14. Mai 2009

Ruhe vor dem Sturm?

Der bekannte Online-Journalist Karl Weiss fragt sich dieser Tage: Erleben wir derzeit die Ruhe vor dem Sturm? Die Krise wird in Deutschland noch gar nicht wahrgenommen meint er, und das sehe ich ebenso.  Er sieht in dieser Krise aber in erster Linie eine Überproduktionskrise, die nur durch Stützung der Nachfrage behoben werden kann. Das mag im bisherigen volkswirtschaftlichen Denkhorizont ein Erklärungs- bzw. Lösungsansatz sein, aber nur dort. Dieser Horizont ist aus meiner Sicht überholt, wenn wir unsere Existenz als Spezies Mensch auf der Erde sichern wollen. Aber wie soll es anders  gehen?

Das Wirtschaftsforum der Gemeinschaften im Lebenspark Tollense am vergangenen Wochenende war für mich auch in dieser Hinsicht eine angenehme Überraschung. Die Krise spielte eine untergeordnete Rolle, im Blickpunkt standen realisierbare Lösungen für ein gemeinschaftliches Miteinander von Menschen – sozial, politisch und wirtschaftlich.

tollense-schloss

Zentralthema war die Eigenversorgung in den Bereichen der Grund-Lebensbedürnisse aller Menschen, insbesondere

  • Land, Gebäude und Infrastruktur
  • Lebensmittel
  • Wasser
  • Energie
  • Gesundheit
  • Kommunikation
  • Geld, Recht, Organisation
  • Substanzorientierte Existenz- und Alterssicherung.

Zusatzthemen bildeten

  • die intra- und interkommunitäre Wirtschaft,
  • Vernetzung,
  • Kooperation,
  • Demonetarisierung (Entkoppelung vom Zinseszins-Geldsystem),
  • Wissenschaft,
  • Außenwirkung von Gemeinschaften in Richtung Gesellschaft,
  • Wirtschaft und Politik

Diese Lösungen gibt es – z.T.  seit Jahren – und alle sind auf ihre Art originell und spielen in der Öffentlichkeit faktisch keine Rolle.  Hier wird weltweit an anderen Formen des Lebens gearbeitet, die man als „gut informierter Bundesbürger“ schlicht nicht glauben kann. Und dennoch: eine andere Welt ist möglich!

tollense-abschlussWer das alles für Quatsch hält dem empfehle ich, einfach mal in einer dieser Gemeinschaften ein verlängertes Wochenende zu verbringen, z.B. im Lebenspark Tollense. Das ist völlig zwangfrei – man kann die Tür abschliessen und hat alle Freiheit der Welt, kein Zwang zu Gruppengesprächen, vielmehr einfach die Athmosphäre wahrnehmen und mit den Menschen reden – fragen und zuhören….  Als ich vor fünf oder sechs Jahren das erste Mal auf einem Treffen der Artabana-Gemeinschaften war, war ich bis obenhin mit Vorurteilen gefüllt: alles Spinner, die kommen nicht in die Gänge, die tragen komische Klamotten und außerdem riechen die alle ein bisschen streng…  Nach diesem Wochenende musste ich alle diese Vorurteile abgeben und ich habe das sehr gerne getan. Diese Menschen, die mit viel Mut und Engagement andere Formen des Zusammen-Lebens umsetzen und leben, sind die normalen Menschen. Die Bürger, die sich für normal halten, sind durch Ängste, Vorurteile, negative Gefühle gegen alle und alles geradezu versklavt – in ihren Köpfen und ihren Herzen. Wir nehmen uns als Ich so wichtig, dass wir nicht mehr in der Lage sind, uns in den Dienst für das Allgemeinwohl – nicht den Staat, sondern unsere Mitmenschen – zu stellen. Wir müssen lernen die Verantwortung für unser Leben wieder selbst zu übernehmen – und das ist gar nicht so einfach. Aber wenn wir es nicht tun, wird es kein anderer machen.

Wir sind als  Menschen wahrscheinlich die einzige Spezies auf dieser Erde, die permanent im Mangel lebt und die Fülle nicht akzeptieren kann.

tollense-gedenkstein


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