Verfasst von: horicon | 10. Juli 2009

Mario Wingert: Quantum Top Secret

QuantumTopSecret_ Die Lösung des QuantenrätselsGeschafft, ich habe mich gerade durch den Wälzer „Quantum Top Secret“ gewühlt. Das hat zwar einige Zeit in Anspruch genommen, aber dafür bin ich jetzt in Bezug auf die Geschichte der Physik in den letzten Jahrhunderten auf der Höhe. Ausführlich verfolgt Wingert die Theoriebildung seit Newton bis heute und arbeitet sauber heraus, wie die offenen Fragen formuliert waren und an welchen Punkten Weichen für die weitere Entwicklung gestellt wurden. Das ist anspruchsvoll und hat mich schnell in seinen Bann gezogen.

Aber wie interessant diese Ideengeschichte auch sein mag, sie war nicht der Grund, warum ich das Buch unbedingt lesen wollte. Der Grund liegt im Titel….genau, es geht hier um die Lösung des Quantenrätsels. Die Quantentheorie hat das grundlegende Problem, gut zu funktionieren, aber schlicht keinen Sinn zu ergeben. Bohr, Einstein, Heisenberg, Schrödinger, Feynman und viele andere kluge Köpfe haben sich über eine Lösung den Kopf zerbrochen, und bisher hat niemand eine befriedigende gefunden. Heute hat man diese Situation fast stillschweigend akzeptiert und man rechnet nur noch ganz pragmatisch, statt sich Sinnfragen zu stellen.

Mario Wingert, Künstler, Designer und ein Physik-Laie (und damit in bester Tradition vieler berühmter Physiker), gibt sich damit nicht zufrieden. Er analysiert wieder und wieder das Doppelspalt-Experiment und macht dann den radikalen Vorschlag, den Begriff des mechanischen Körpers und damit eine der basalen Annahmen der Newtonschen Physik fallen zu lassen. An deren Stelle treten bei ihm enantiomorphe Felder. Ihr Gesicht formt gerade ein Fragezeichen? Das verstehe ich gut, denn selbsterklärend ist dieser Begriff nicht. Es sind spiegelbildliche Felder, die sich wie lebende Zellen verhalten, sich also teilen und verzweigen. „Das eigentliche Problem der Quantentheorie war also nur die Frage, wie sich etwas teilen kann und dennoch ein Ganzes bleibt! Um diese Frage beantworten zu können, muß man mal eine biologische Zellteilung gesehen haben… „ Das wirbelt unsere Vorstellungen von der Welt recht heftig durcheinander, aber eine neue „Weltformel“ gibt es bei Wingert trotzdem nicht. Das Formelwerk der Quantenphysik ist völlig ausreichend, mit dem Hintergrund einer anderen Vorstellung gewinnt es nur plötzlich einen Sinn.

Wingert ist philosophisch reflektierter als die Mehrheit der Wissenschaftler, die zwischen Theorie und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden (…das ist keine Theorie, das ist eine Tatsache…) und Funktionalität mit Wahrheit verwechseln. Er träumt von einem Zusammenwachsen von Naturwissenschaft und Philosophie zu einer wissenschaftlich gestützten Naturphilosophie. Dieser Ansatz allein verdient Achtung, denn er fokussiert auf die Stiftung eines Sinnzusammenhanges, der den Begriff Welt verdient.

Mit seinem Vorschlag stößt Wingert eine Tür auf, und es ist noch nicht einmal der erste Blick auf das Dahinterliegende geworfen. Das Buch ist deshalb für Science-Fiction-Autoren ein guter Tipp, für naturphilosophisch Interessierte und Wissenschaftsfreaks ist es eine bereichernde Lektüre und für Physiker ein Muss. Interessieren könnte es auch Biologen, die auf der Suche der Idee des Leben sind.

Das Buch hat aber auch Schwächen: es ist definitiv zu lang, es hat kein Stichwortverzeichnis und es ist als Book on Demand zu teuer. Ein cleverer Verleger nimmt den Autor unter Vertrag, lässt ihn einen Artikel für Science oder Nature schreiben und wartet, bis er den Nobelpreis bekommt. Undenkbar ist das nicht.

Quantum Top Secret – Die Lösung des Quantenrätsels: Metamorphose eines Weltbildes


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