Verfasst von: horicon | 14. April 2010

Humus – Die vergessene Klima-Chance

Das Diktum „der Boden ist das Verdauungssystem der Pflanzen“ geht angeblich auf Aristoteles zurück. Wie der menschliche Darm noch viele Entdeckungen für uns bereit hält und mindestens so wenig erforscht ist wie das Weltall! oder die Tiefsee, so wenig ist auch der Boden unter unseren Füßen bisher in den Fokus der Wissenschaft geraten und mit Forschungsgeldern überschwemmt worden. Es gibt derzeit jede Menge Forschungsthemen, mit denen man einfach mehr her macht als sich mit dem „Darm der Biosphäre“ zu beschäftigen. Entsprechend wenig Beachtung findet dieses Thema denn auch in der Öffentlichkeit.

Ändern könnte das dieser Film. Er ist professionell gemacht und bedient die angesagten Angstthemen wie Klimakatastrophe und CO2. Das würde mir allerdings für eine Empfehlung nicht ausreichen – eher im Gegenteil, denn das sind die langweiligen Teile des Films. Zum Glück geht der Film weit darüber hinaus.

Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zu dem, worauf er steht, auf eine Reise zu dem Boden unter unseren Füßen. Das ist jetzt natürlich nur bildlich gemeint, denn wer von uns steht schon überhaupt noch wenigstens einmal täglich auf richtigem Boden oder läuft gar eine Runde über den Acker oder durch den Wald? Die meisten Menschen reden nicht von Humus an ihren Schuhen, sondern schlicht von Dreck. Diese Einstellung und diese Lebensrealität ist Teil eines Problems, das der Film vor Augen führt. Wir haben den Boden unter unseren Füßen nicht nur missachtet, wir haben ihn auch schwer geschädigt und verstehen die Auswirkungen dessen erst in Anfängen.

Die Natur hat im Laufe der Geschichte überflüssiges CO2 immer in Biomasse umgesetzt. Nur heute funktioniert das nicht mehr, denn die CO2-Aufnahmefähigkeit der Böden nimmt ab, weil der Humus abnimmt. Die Ackerböden in Europa haben im Durchschnitt 4 kg Kohlenstoff-Organik gebunden. Mit bis zu 5 kg gebundenem Kohlenstoff gelten Böden international als Wüste. Das bedeutet, dass fast alle europäischen Ackerböden heute quasi Wüsten sind.

Natürlich ist es Unsinn CO2 isoliert zu betrachten. CO2 ist nicht nur als „schädliches Treibhausgas“ frei in der Atmosphäre, es ist v.a. in der Vegetation, in den Ozeanen und eben im Boden gebunden – oder war es. Die moderne, industrialisierte Landwirtschaft setzte in den letzten 60 Jahren fast eben soviel CO2 frei wie der fossile Energieumsatz durch Kohle, Erdöl und Erdgas.

Hier nähert sich der Film einem Problem, das ihn wirklich spannend macht: Zwischen dem Klima und der Qualität der Böden gibt es einen untrennbaren Zusammenhang. Die Qualität der Böden wird aber erst seit kurzem wissenschaftlich erforscht. Gut waren bisher Böden ohne Schadstoffe. Nach den Auswirkungen der Intensivbewirtschaftung durch die industrialisierte Landwirtschaft hat bisher kaum jemand gefragt. Genau dafür aber ist es höchste Zeit. Ohne Humus ist der Boden kein CO2-Speicher mehr, statt dessen gibt er CO2 ab. Jetzt wird neu erforscht was Bauern früher ohne Bestätigung durch Wissenschaftler jahrhundertelang gemacht haben – Fruchtfolgen, Mischkulturen, Kompostierung, geringer Einsatz von leicht löslichen Mineraldüngern, minimale Bodenbearbeitung.

Filmtrailer

Was eher konventionell begonnen hat, bewegt sich schnell in Richtung eines Plädoyers für eine ökologische Landwirtschaft, die Kreislaufsysteme mit der Natur favorisiert und natürlich eine regionale Flächenbewirtschaftung in den Mittelpunkt stellt, die eben nicht globalisiert werden kann. Die Lösung liegt in einer neuen ökologischen Landwirtschaft, die Humus aufbaut. Die Natur ist effizient – eine Zusammenarbeit mit ihr ist sinnvoller, als sie beherrschen zu wollen

Unsere Vorfahren waren uns da technologisch weit voraus, wie die Berichte über die von Menschen gebauten Hügelbeete in Französisch Guayana oder die berühmte Terra Preta im Amazonasgebiet zeigen. Noch nach Jahrhunderten findet sich hier stabiler, nährstoff- und sauerstoffreicher Humus. Auch in Deutschland konnten bereits künstliche Humusfelder in der Nähe menschlicher Siedlungen nachgewiesen werden.

Wie den menschlichen Darm bewohnen auch den Boden unzählige Mikroorganismen – nur 2 Gramm Erde können mehr Mikroorganismen beinhalten als es Menschen auf der Erde gibt. Abbau und Neuaufbau von Stoffen erfolgt durch aerobe Mikroflora. Sie bauen die Stoffe um und machen sie für die Pflanze verfügbar. Die wissenschaftliche Forschung zum Humusaufbau steckt aber noch in den Kinderschuhen und ist finanziell chronisch unterversorgt, wie die dringenden Appelle der Wissenschaftler in dieser Dokumentation erahnen lassen. Aber so richtig Geld ist mit Humus auch nicht zu verdienen. Oder doch?

Zunehmend rückt bei der Kompostierung statt des reinen Entsorgungsgedankens das Produkt in den Mittelpunkt, denn guter Kompost verbessert die bodenphysikalischen Eigenschaften. Ein Geschäft für die Großindustrie?

Gute Böden werden von vielen Regenwürmern bewohnt, ja sie sind für die Qualität der Böden maßgeblich. Daraus haben findige Leute eine Geschäftsidee gemacht und Wurmfarmen aufgebaut, in denen Regenwürmer hervorragenden Kompost produzieren. Auch das hört sich weder nach Großindustrie noch nach satten Gewinnmargen an.

Überzeugend fand ich das Beispiel von SEKEM – ein beeindruckendes Projekt in Ägypten, in dem auf Wüstenboden eine 30-cm dicke Humusschicht aufgebaut wurde. Die dort geernteten Früchte in Demeterqualität werden auch in Deutschland verkauft. Aber auch dieses Projekt ist eher durch den Enthusiasmus und das Durchhaltevermögen der Beteiligten als durch sogenannte Marktmechanismen und das Versprechen auf satte Rendite zu einem Erfolg geworden.

In Brasilien gibt es große Gebiete, die nur mit Direktpflanzung bewirtschaftet werden, weil die Intensivlandwirtschaft fast die gesamten Äcker zerstört hatte. Alle Reste der Ernte bleiben auf den Feldern liegen und verrotten dort. Pflug und andere Großgeräte stehen seitdem im Museum.

Ein anderes Beispiel zeigt der Film mit der Konversion von Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gartenbau in Richtung Agroforstkultur und Permakultur in Südfrankreich. Das ist nicht nur ein sinnvoller Ansatz, es sieht auch noch schön aus. Dennoch sind all die vorgestellten Projekte bisher wohl eher Einzelfälle. Wir brauchen aber dringend eine Wende im großen Maßstab – bei den Konsumenten und bei den Produzenten, aber eben auch in Wissenschaft und Politik. Es geht um die Versorgung der Menschen mit gesunden Lebensmitteln, die diese Bezeichnung verdienen und um regionale Kreislaufwirtschaft mit den natürlichen Ressourcen. Das ist mit maximaler Wertschöpfung wahrscheinlich nicht in Einklang zu bringen und wir müssen Entscheidungen treffen, was uns wichtig ist und das auch klar kommunizieren.

Menschen lernen meist erst, wenn es schon (fast) zu spät ist. Wer die Inhaltsstoffe natürlicher Produkte – z.B. Kartoffeln, Äpfel, Nüsse – in einem Handbuch für Lebensmittelchemiker von etwa 1990 und von 2005 vergleicht, der wird überrascht, oder besser alarmiert sein, denn die Abnahme ist z.T. dramatisch. Thema einer öffentlichen Diskussion ist das dennoch nicht.

Was ein Dokumentarfilm mit Werbecharakter für die Ökoregion Kaindorf in Österreich werden sollte, ist ein überzeugendes Plädoyer für eine ökologische Landwirtschaft geworden, dass auch Menschen erreichen wird, die sonst der Politik, den Medien und dem Arzt vertrauen. Mir hat dieser Film klar gemacht, dass wir den Kontakt zum Boden unter unseren Füßen verloren haben und meinen, uns aus den Kreisläufen der Natur herausnehmen zu können. Das kann nicht funktionieren.

Humus – Die vergessene Klima-Chance


Antworten

  1. Hallo,

    ich finde auch die DVD eine der schönsten DVD´s bezüglich Humusaufbau, die ich bisher gesehen hab.

    Toll….

    Erika Bachl


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