Aufklärung 2.0

Das Projekt Aufklärung ist gescheitert

Aufklärung ist für uns heute keine Aufgabe mehr, wir sind aufgeklärt – über Demokratie (bei uns) und Menschenrechtsverletzungen (bei anderen), Wirtschaftspolitik, Globalisierung, Börse und Psychologie, über Klimawandel, gesundes Essen und moderne Medizin, Sonderangebote im Großmarkt, Fußballergebnisse, Fernsehprogramm und natürlich über Sex. Das ist doch Aufklärung! In gewisser Hinsicht schon, aber Kant, der die einschlägige Definition der Aufklärung 1784 publizierte, setzte dennoch andere Akzente. In der Berlinischen Monatsschrift schrieb er:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Gut zweihundert Jahre später sollte die Menschheit oder zumindest die sich selbst als aufgeklärt verstehende westliche Zivilisation diese kurz und prägnant formulierte Agenda erfüllt haben. Und tatsächlich: für den gewöhnlichen Menschen in unserer Kultur hat sich seitdem enorm viel verändert, der Fortschritt ist bis in die letzten Winkel vorgedrungen. Wir haben in diesen zweihundert Jahren einen technischen Riesenschritt von der Dampfmaschine zum Computer gemacht, das allgemeine Bildungsniveau von ein paar Klassen Dorfschule auf lebenslanges Lernen angehoben, verschiedene Gesellschafts- und Staatsformen ausprobiert und ein paar Millionen anderer (nicht-aufgeklärter) Menschen umgebracht. Heute, sechzig Jahre nach dem letzten größeren Krieg in Europa, haben wir das Elend dank Globalisierung einfach exportiert und freuen uns über die billigen Produkte in den Supermärkten. Wir lassen uns von den Experten aus den Medien stets aktuell informieren und haben eine Riesenauswahl, womit wir uns unterhalten lassen wollen. Schöne neue Welt, aber ist sie auch eine Welt aufgeklärter Menschen? Die Bilanz vermag nicht zu überzeugen. Das Projekt Aufklärung ist gescheitert.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass George Orwell seinem Klassiker der Anti-Utopie den Titel 1984 gab, also genau 200 Jahre nach dem Erscheinen von Kants berühmten Aufsatz.

Problem der Unmündigkeit

Ich vertrete die These, dass wir in allen Funktionsbereichen unserer Gesellschaft von der Politik bis hin zur Medizin und der Wirtschaft unmündig sind und z.T. sogar zunehmend entmündigt werden. Ein Erwachsen-Werden der Menschen wird damit wirkungsvoll verhindert, die Entmündigung dagegen sogar verstärkt und das Ziel des Erwachsenwerdens  – die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen – verfehlt.

Grenzen und Begrenzungen des Aufklärungsbegriffes bei Kant

Dabei vertrete ich die These, dass der Verstand allein nicht für eine Aufklärung ausreichend ist. Das Ich, von Kant in die Philosophie eingeführt, bestand früher als Geist, Seele und Gewissen und vielleicht kommen wir damit weiter. Geist und Seele sind per definitionem unsterblich und transzendieren damit auch den Kantschen Zeitbegriff  als innere Anschauungsform des Geistes.
Wie also müsste Aufklärung heute zeitgemäß definiert werden?

Aufklärung heute

ist die Sich-selbst-Bewusstwerdung des Menschen als Schöpfer seines Universums, als Ebenbild Gottes – so meine vorläufige These, die ich zur Diskussion stelle. Bewusstwerdung bedeutet, ohne äußere Autoritäten die innere Stimme als Zusammenklang von Geist, Seele und Gewissen als innere Autorität anzunehmen, sich danach auszurichten und die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.
Was ist der Mensch seinem Wesen nach? Ein in Liebe schaffendes Wesen – das Ebenbild Gottes.

Antworten

  1. SO IST ES !

    Das große ICH BIN …

  2. Der Artikel gefällt mir, vor allem der Schlusssatz. Wie bauen wir nun eine Brücke für die noch tiefer Schlafenden? Vielleicht nach der Idee in den Büchern von W.Megre. Lasst uns schöne Vorgärten und Stadtgärten anlegen, soziale Kontakte erneuern, Projekte zur Selbstversorgung initiieren und die Kreisläufe der Natur wieder verinnerlichen. Wenn es mehr gesunde Menschen gibt – körperlich wie geistig und seelisch, wird auch eine gesellschaftliche Erneuerung leichter fallen, ja sogar eine logische Konsequenz sein.
    lG Christian


Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort: