Bücher über Bitcoin waren bisher schmal und meist verwirrend, Bücher von Technikfreaks für Technikfreaks. Das ist nicht sehr überraschend, weil diese Technologie bis vor etwa 1,5 Jahren auch fast ausschließlich von diesen Leuten dominiert wurde. Das ändert sich seitdem rasant und auch wenn Bitcoin als Währung und als Technologie noch nicht im Hauptstrom angekommen sind und niemand sicher sagen kann, ob sie sich durchsetzen werden, sie haben das Potential unsere Gesellschaft sehr stark und je nach Sichtweise sogar radikal zu verändern.

Casey und Vigna sind Wirtschaftsjournalisten, die regelmäßig für die Financial Times, die Washington Post, für das Wall Street Journal und CNN und BBC arbeiten. Mehr an klassischer Ökonomie geht fast nicht mehr: „Wir waren beiden Skeptiker, als wir von Bitcoin hörten. Geld, das nicht vom Staat garantiert wird? Verrückt!“ Aber sie sind neugierig und beiden steckt noch der Crash von 2008 in den (Schädel-)knochen. Sehr nachvollziehbar beschreiben sie die Phasen der Akzeptanz von Geringschätzung über Skepsis, Neugier bis hin zum Moment „wo der Groschen fällt“, wo sie „plötzlich eine Vorstellung von einer ganz neuen Art, Dinge zu tun“ haben bis hin zur Akzeptanz. Das Buch ist eine Entdeckungsreise in die Welt der Krytowährungen und der Technologie dahinter und sie versuchen, die vielen Puzzelteile zusammenzusetzen. Das ist ihnen nicht nur gelungen, sie haben es in einer Sprache geschrieben, die jeder verstehen kann. Aus meiner Sicht ist es derzeit das Standardwerk, einfach guter Journalismus.

Als Einstieg wählen sie die Geschichte unseres Währungssystems, die mir die gewachsene Verflechtung von Staat und Banken klar gemacht hat. Sie gehen dann zur Entstehungsgeschichte des Bitcoins über und wie die Gemeinschaft in den ersten Jahren wächst. Wichtige Akteure, mit Ausnahme von Satoshi Nakamoto, dem Begründer des Bitcoin, haben sie direkt befragt, so dass man ein atmosphärisches Bild aus dieser Zeit bekommt. Sie erläutern die Nachteile des „normalen“ Zahlungsverkehrs per Kreditkarte und wie Bitcoin diese Probleme lösen, d.h. das gesamte Prozedere vereinfachen kann. Aber natürlich ist auch Bitcoin nicht die Lösung für alles, denn v.a. fehlt ihm noch das Vertrauen der Menschen als stabile Währung, die unabhängig von einer Regierung funktioniert. Dazu erläutern sie dann die Blockkette, die Technologie hinter allen Kryptowährungen. Diese „block chain“ ist im Grunde eine revolutionäre „Sozialtechnologie“, eine Art digitales, öffentliches Grundbuch, die viele der heutigen „Vertrauenspersonen“ – Banken, Versicherungen, Anwälte, Notare – überflüssig machen könnte. Und nicht nur diese, auch Teile des Regierungsapparates könnten schlicht verzichtbar werden. Sie erläutern, wie diese Blockkette durch das „Schürfen“ („Mining“) öffentlich digital verwaltet wird und gehen dann in den folgenden Kapiteln auf zwei sehr unterschiedliche Aspekte ein. Zum einen beschäftigen sie sich mit den Innovatoren, die das wirtschaftliche Potenzial erkannt haben und mit dieser Technologie reich werden wollen. Zum anderen sehen sie die 2,5 Milliarden Menschen, die kein Bankkonto haben und für Geldtransfers meist 20%, aber gerne auch mal 30% des Überweisungsbetrages abführen müssen. Die Armen in Afrika und Asien, die für Banken wegen ihres geringen Einkommens uninteressant sind, müssen andere Wege finden, um ihr Geld an ihre Familie zu senden und es gibt hier schon seit einigen Jahren spannende Ideen wie M-Pesa, die in einigen Ländern Afrikas Millionen Nutzer haben.

Aber wie sieht die Zukunft des Bitcoin und der Bitcoin-Technologie, der Blockkette, aus, wo liegen die Konfliktlinien? Werden wir weiter in Richtung einer noch stärkeren Zentralisierung in Richtung eines Bankenstaates steuern oder werden sich die libertären Kräfte durchsetzen, die für eine Dezentralisierung eintreten? Die beiden Autoren diskutieren verschiedene Szenarien, wie es weitergehen könnte, wenn alles so weiterläuft wie bisher. Wird sich der Bitcoin als Währung durchsetzen, wird es eine Konkurrenz verschiedener Kryptowährungen geben, wird die Technologie der Blockkette die Basis des Finanzsystems oder werden die Regierungen einfach eigene, zentralisierte, digitale Währungen ausgeben. Beide Autoren kommen aus der klassischen Ökonomie, die permanentes Wachstum im Fokus hat und das hat mir interessante Einblicke verschafft. Zugleich macht es sie aber für radikale Alternativen blind und sie diskutieren weitgehend evolutionäre Prozesse der Anpassung.

Der Punkt ist aber, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so weitergehen wird wie bisher. Als Journalisten, die für die Presse-Flaggschiffe des westliche Finanzsystems arbeiten, berufen sie sich gerne auf „Experten“, die eine weitere Krise für unvermeidlich halten. Das weiß aber im Grunde jeder, der seine Augen offen hält. Ein Crash könnte der Durchbruch für den Bitcoin, zumindest aber für die Technologie dahinter werden. Satoshi Nakamoto schickte sein mittlerweile berühmtes White Paper zum Bitcoin am 31.10.2008 in die Welt, im April 2011 kam seine letzte Email und seitdem schweigt er und niemand weiß, wer er ist. Es gibt klare Hinweise darauf, dass sein Bitcoin-Entwurf eine direkte Reaktion auf die Finanzkrise 2008 war. Einmal ist ihm ein Geniestreich gelungen, vielleicht gelingt ihm ein zweiter, wenn er in der nächsten Krise seine eigene Million Bitcoins (von den insgesamt 14,16 Mio. Bitcoins – Stand Mai 2015) klug einsetzt.

Casey, Michael / Vigna, Paul: Cryptocurrency: Wie virtuelles Geld unsere Gesellschaft verändert

Berlin (ECON) 2015

ISBN 978-3-430-20189-6

395 Seiten

19,90€

1 mai

„Es werden Bronzeplastiken der US-Whistleblower Chelsea Manning und Edward Snowden sowie von Wikileaks-Gründer Julian Assange auf jeweils einen Stuhl gestellt.

Alle drei wurden während der vergangenen Jahre aufgrund ihrer Enthüllungen verfolgt und bedroht. Besucher und Passanten sind eingeladen, auf einen vierten, leeren Stuhl zu steigen und ihre Gedanken und Meinungen öffentlich zu äußern.

Dadurch können sie den zum Schweigen Gebrachten eine Stimme verleihen und ein aktives Zeichen für Meinungs- und Pressefreiheit setzen..“

Verfasst von: horicon | 18. März 2015

Geschichtszyklen und Sonnenaktivität

Seit einigen Monaten lese ich besonders interessiert die Beiträge von Martin Armstrong zu historischen und wirtschaftlichen Problemen auf den Seiten von Propagandafront. Armstrong geht von wirtschaftlichen Zyklen aus und hat dazu eine enorme Datenbank angelegt, in die selbst Zahlen aus dem Römischen Reich und noch weiter zurück aufgenommen wurden. Aktuell arbeitet er an einer Künstlichen Intelligenz SOCRATES, die alle Märkte überwacht und mit aktuellen Meldungen so kombiniert, dass daraus Kauf- oder Verkaufsoptionen generiert werden können. Damit hat er einen historischen Blick auf aktuelle Ereignisse und eine andere Perspektive auf Ökonomie und Finanzmärkte, die kombiniert mit einem klaren, manchmal fast schon schroffen Stil seine Artikel sehr lesenswert machen.

Wer von Zyklen ausgeht, muss sich fragen (lassen), was diese Zyklen sind, was sie verursacht. Bevor ich meine Email an ihn losschicken konnte, um ihn direkt zu fragen, hat er heute in seinem Blog seine neueste Erkenntnis dazu publik gemacht, und die ist zwar kurz, aber sehr lesenswert

“Low and behold, the 300 year cycle matched up with the rise and fall of empires, nations, and city states. Suddenly, the 309.6 year cycle of the ECM made sense.”

Der Energieausstoß der Sonne, die Sonnenflecken-Aktivität, ist verantwortlich für unsere Geschichte. Schon vor 30 Jahren war ein Kollege meines Vaters, ein Archäologe, auf diesen Zusammenhang gestoßen, aber damals wollte das nun wirklich niemand hören. Und das Buch von Lawrence Joseph zu diesem Thema hatte ich ja schon vor einiger Zeit besprochen. Langsam wird es wohl wirklich Zeit für eine “kopernikanische Wende” in unserem Denken.

Seine Eingebung hatte Herr Armstrong übrigens in der Nacht, in der einer der stärksten geomagnetischen Stürme (kp-Index 8; G5) in diesem Sonnenzyklus auf der Erde in Gang war und für wunderschöne Polarlichter bis in den Süden Deutschlands sorgte.

Seine Prognosen haben also eine etwas längere Perspektive, die er hier und hier erläutert:

Wir befinden uns jetzt also in einer Welle, wo der Staat sehr hart darum kämpfen wird, die Kontrolle zu behalten, da dies der vorherrschende Charakter der 309,6 Jahre dieser Welle ist. Auf der fraktalen Unterebene dieser großen Welle befinden wir uns gegenwärtig aber in einer Privaten Welle mit einer Länge von 51,6 Jahren. Und das heißt, dass die Menschen zurückschlagen, da sie in zunehmenden Maße Vertrauen in den Staat verlieren. Diese beiden Kräfte befinden sich aktuell im Krieg miteinander. Umso schlimmer die Lage wird, desto autoritärer wird der Staat agieren. Jede dieser 8,6-Jahreswellen verändert überdies das Kräftespiel zwischen den privaten und staatlichen Akteuren.

Das ist auch der Grund, warum ich davor warne, dass es langsam an der Zeit ist, die Amplitude zu reduzieren und aufzuwachen. Wir haben das kurz im Zeitalter der Aufklärung erreicht. Der Staat schlug dann jedoch zurück und riss die Kontrolle wieder an sich. Wir ersetzten die Monarchie mit Ministern – ansonsten hat sich nichts geändert.

Nachtrag Mai 2015: Demnächst kommt ein Film über Martin Armstrong in die Kinos.

Verfasst von: horicon | 11. Februar 2015

Verfasst von: horicon | 1. September 2014

Kunstgeschichte im Schnelldurchlauf…

und noch einmal Geschichtsunterricht, diesmal Kunstgeschichte:

Ein Geschichtsunterricht in drei Minuten…

Watch 1000 Years of European Borders Change In 3 Minutes.

Verfasst von: horicon | 18. Juli 2014

Alarmstufe Rot | Telepolis

Mein Respekt vor Politikern ist – vorsichtig gesprochen – nicht sehr groß. Umso mehr bin ich dann positiv überrascht, dass es immer noch ein paar Ausnahmen gibt, zum Beispiel Willy Wimmer, der auf Telepolis einen Kommentar zur Situation in der Ukraine gibt, den Sie in den Hauptstrommedien eher nicht finden werden. Alarmstufe Rot | Telepolis

Wer einen tieferen Einstieg und überraschende Perspektiven möchte, dem seien die Interviews mit ihm auf Youtube empfohlen, hier z.B. zum neuen Kalten Krieg mit Russland.

Verfasst von: horicon | 10. Juli 2014

Der programmierte Crash

Im Prinzip ist das ja schon lange klar, jetzt kommt es aber auch “in der Mitte” an: Der programmierte Crash. Matthias Weik und Marc Friedrich haben ein neues Buch dazu geschrieben und der Artikel ist im Grunde frustrierend, aber ich halte einen klaren Kopf immer für besser

Die Staatsschulden, Firmendarlehen, Hypotheken und Verbraucherschulden in den Vereinigten Staaten belaufen sich mittlerweile auf fast 60 Billionen US-Dollar und in Europa sieht es auch nicht wesentlich besser aus.

vom Hauptstrom noch weit entfernt, aber die Aufmerksamkeit wächst…

via Deloitte: Virtuelle Währungen sind nächster Schritt in Evolution des Geldes und deshalb steigt unser smartester ehemaliger Copy-and-Paste Verteidigungsminister mal gleich in dieses Business ein.

Verfasst von: horicon | 19. Juni 2014

Kryptowährungen: Bitcoin & Co.

Kryptowährungen, allen voran der Bitcoin, haben in den vergangenen Wochen den Weg in die Medien gefunden. Ist das nun die nächste Blase oder der Weg aus der Knechtschaft der globalen Finanz“elite“ in die Freiheit?

Für eine klare Antwort ist es noch viel zu früh, aber Kryptowährungen haben das Potential, zur wichtigsten technischen Erfindung seit dem Internet zu werden.

Kurzer Überblick

Aber was sind Kryptowährungen? Am ehesten kann man sie als eine Art Regionalgeld für das Internet verstehen. Es ist virtuelles Geld, das dezentral in einem Computernetz geschöpft und verwaltet wird. Es kann innerhalb von Minuten zwischen den Besitzern der Währung überwiesen werden und wird durch kryptographische Schlüssel nachgewiesen. Alle Transaktionen werden digital signiert und in einer öffentlichen, vom gesamten Netzwerk betriebenen Datenbank aufgezeichnet. Das hört sich sehr kompliziert an, ist es aber nicht. Kaum jemand weiß, wie sein Fernseher, sein PC oder sein Handy funktioniert und nutzt es trotzdem. Man lädt eine Brieftaschen-Software (Wallet), wartet kurz, bis alle Daten mit dem Netzwerk synchronisiert sind und kann sofort Geld empfangen und versenden.

Komplizierte Details

Um hinter die Details zu steigen, braucht man dagegen schon etwas länger und ich kann an dieser Stelle nur kurze Einblicke geben. Als ich mich das erste Mal in dieses Thema eingelesen habe, bin ich auf einen Foreneintrag gestoßen. Die eindeutige Anweisung: als ausgebildeter Informatiker musst du dich erst einmal mindestens zehn Stunden intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, als Nicht-Informatiker brauchst du allerdings ein paar Tage oder Wochen mehr. Also habe ich mir einige Bücher gekauft, um schneller einen Überblick zu bekommen. Leider waren diese Publikationen schon zwei bis fünf Monate alt – beim Thema Kryptowährungen ist das fast eine biblisch lange Zeit. Um zu verstehen was Kryptowährungen sind und wie sie funktionieren sind Bücher durchaus in Ordnung, aber um auf dem aktuellen Stand zu sein, muss man sich tagelang durch Foren und Webseiten lesen. Altcoins, also alternative Münzen/Währungen, wie die Kryptowährungen auch genannt werden, haben sozusagen noch die ersten Kinderschuhe und werden in ein paar Wochen, höchstens Monaten ein neues Paar Schuhe benötigen. Die Entwicklung ist rasant, sie ist spannend, sie ist eine intellektuelle Herausforderung und sie könnte Lösungen für brennende politische und ökonomische Probleme bringen.

Sicherheit durch Verschlüsselung

Technisch sind Kryptowährungen sehr anspruchsvoll: da geht es zunächst um kryptographische Verschlüsselungen und deren Kombination, aber auch um die Möglichkeiten, diese Verschlüsselungen vielleicht doch zu knacken. Theoretisch spielen mögliche „51%-Attacken“ die größte Rolle, praktisch sind jedoch die Transaktionszeiten für Überweisungen offenbar viel relevanter.

Mining

Und natürlich geht es um das „Herstellen“ (mining) dieser Währungen und dessen technischen, administrativen und energetischen Hintergrund. Für das Mining des Bitcoins gibt es mittlerweile eigene Hardware, die immer noch so viel Strom frisst, dass sich das „Schürfen“ des Bitcoins in Deutschland fast nicht mehr lohnt. Das war nicht immer so, aber der steigende Schwierigkeitsgrad (difficulty) bei der Erzeugung neuer Bitcoins erfordert auch immer mehr Rechenleistung, die sich erheblich bei den Stromkosten bemerkbar macht. Kurz, ein Thema für Nerds und Technikfans.

Ökonomische Konzepte

Hinter jeder Kryptowährung steht aber auch ein ökonomisches Konzept. Einigkeit besteht bei allen Entwicklern und Unterstützern in der Ablehnung der Zentralbanken-manipulierten Fiat-Währungen. Aber wie muss eine Währung beschaffen sein, um ihren Zweck zu erfüllen? Setze ich von vornherein eine Höchstgrenze der jemals verfügbaren Coins fest wie beim Bitcoin mit 21 Millionen? Er ist damit eine quasi deflationäre Währung, die bei steigender Akzeptanz nur an Wert gewinnen kann. Wer verkauft dann noch seine Bitcoins? Als Währung für Transaktionen im Handel ist er damit im Grunde nicht geeignet, als Spekulationswährung dagegen eine wahrscheinlich gute Investition. Oder baue ich eine minimale Inflation ein, um die Menschen dazu zu bewegen, das Geld in Umlauf zu bringen? Aber wie soll ich dann sparen? Also doch Zinsen (keine Zinseszinsen!) einführen? Oder trenne ich die verschiedenen Funktionen als Tausch- bzw. Zahlungsmittel und als Wertaufbewahrung?

Wettbewerb

Mittlerweile gibt es über 100 verschiedene Kryptowährungen, fast täglich kommen neue hinzu, am Ende werden sich nur wenige durchsetzen. Da die ökonomischen Konzepte in der Software festgeschrieben sind und später nicht mehr ohne großen technischen Aufwand und v.a. ohne einen Aufstand der Nutzer zu entfachen geändert werden können, stehen alle Kryptocoins in einem Wettbewerb, welches Konzept von den Nutzern am ehesten akzeptiert wird. Hier entsteht ein freier Markt verschiedener Währungen (und der dahinter liegenden Konzepte).

Die andere wichtige Frage ist, wie die neue Währung auf den Markt gebracht wird – nach und nach, viel mit einem Mal, um sie schnell als Handelswährung zu etablieren, wird sie zumindest teilweise verschenkt oder soll sie schnell an eine der vielen Handelsbörsen gehen? Wo liegen die größten Vermögen der neuen Währungseinheiten (das Problem der „größten Wallets“)?

Breite Akzeptanz – teilweise aber mit Hürden

Vor allem aber ist noch die Frage, wie eine Kryptowährung zu einem echten Zahlungsmittel wird, wie schaffe ich Akzeptanz bei den Händlern und bei den Käufern? Der Bitcoin hat diese Schwelle schon überschritten. In jeder größeren Stadt der Welt kann man vom Kaffee bis zum Goldbarren mit Bitcoins bezahlen – noch nicht überall und alles, aber täglich, wenn nicht stündlich werden es mehr Händler, die Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren. Die Ökonomie, die seit wenigen Monaten um die Kryptowährungen herum entsteht, wächst mit einem Tempo, das einfach nur unglaublich ist.

Politik bleibt außen vor

Wie in einem Labor suchen Menschen Lösungen, wie eine freie und möglichst gerechte Währung aussehen sollte.

Dabei sind die politischen Rahmenbedingungen alles andere als klar. Ein halbherziges Verbot für Unternehmen in China, eine überraschte Duldung im Westen, vielleicht sogar die eine oder andere heimliche Unterstützung – zumindest aus der Internetwirtschaft. Eines ist auf jeden Fall klar: Regierung und Zentralbanken sind weltweit noch ratlos und können ausnahmsweise nicht überall hineinregieren, wo es ihnen passt. Selbst ein Verbot würde den Zug nicht stoppen können, er würde nur einen anderen Weg nehmen. Und selbst wenn Geheimdienste den Bitcoin erfunden hätten, Sie hätten heute keine Kontrolle mehr über ihn.

Das Thema ist faszinierend – unsere globalisierte Welt auf dem Weg in die Finanzsklaverei wird von ein paar Nerds aus dem Tritt gebracht. Das ist fast Science Fiction und könnte schon bald unser aller Leben erreichen.

Schlechte Presse

Natürlich liest man in den Hauptstrommedien im Grunde nur negative Meldungen über Bitcoin & Co: MtGox insolvent, eine andere kleine Handelsbörse macht dicht, Geldwäsche und all das Gerede. Geldwäsche findet weltweit zum größten Teil mit Dollar-Bargeld statt und der Dollar wird deshalb nicht verboten. Tatsache ist dagegen, dass diese Technologie noch im Anfangsstadium ist. Die Basis ist gelegt und funktioniert. Wer von einer Person zur anderen überweisen will, wird kaum Probleme haben. Wer Tausende oder gar Millionen in Bitcoins hat, sollte sich um die Sicherheit seiner Einlagen allerdings Gedanken machen. Das wäre mit Bargeld oder Anlagen aber ebenso.

Die Entwicklung geht weiter

Gesagt werden muss auch, dass es bisher nur Brieftaschen-Software in Beta-Versionen gibt. Wir sind also noch in der Testphase und wer technisch fit ist und wer in ein faszinierendes Thema einsteigen will, der ist hier richtig. Die nächste Generation von Kryptocoins ist bereits am Start und die dritte Generation ist schon in der Entwicklung. Hier wird das Internet neu erfunden und das ist seit Ed Snowdens Informationen auch dringend nötig, wenn wir uns in nicht allzu langer Zeit in einer Dystopie wiederfinden wollen.

***

Wenn für die Hauptstromedien nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind und es um Bitcoin und Co. momentan ruhig ist, ist das dann wohl ein gutes Zeichen. Die Industrie wächst kontinuierlich weiter, aber Politik und Finanzwirtschaft haben noch immer keine klare Vorstellung, wie mit dieser neu entstandenen Technologie umzugehen ist.

Die US-Steuerbehörde IRS hat den Bitcoin als (steuerpflichtiges) Investment klassifiziert, nicht als Währung. Der Aufschrei im BTC-Lager war erheblich, denn damit wird der Bitcoin als tägliche Handelswährung zum Bezahlen der Pizza im Grunde lahmgelegt. Andererseits war diese Entscheidung nicht überraschend und im Grunde sogar nachvollziehbar. Eine Währung mit einer festgesetzten Obergrenze kann bei wachsender Nutzerzahl nur an Wert gewinnen. Zumindest wenn man in der Vorstellungs- und Erfahrungswelt einer FIAT-Währung bleibt, in der Geld immer knapp ist und deshalb überhaupt als Währung gehandelt wird.

Das US-Militär denkt dagegen in eine ganz andere Richtung, ob der Bitcoin und virtuelle Währungen als eine Art „finanzterroristischer Angriff“ zu werten sind. Mir klingeln dabei immer noch die Worte des NSA-Chefs Keith Alexander im Ohr, dass die wichtigste Aufgabe der NSA der Schutz des globalen Finanz-Systems vor Cyber-Attacken sei.i

Zumindest können wir an diesen sehr differierenden Bewertungen sehen, dass der Staat erhebliches Interesse in seinen beiden Hauptdomänen hat– mehr Steuern einzutreiben und irgendwo potenzielle Feinde aufzuspüren, gegen die man rüsten und ggf. Kriege führen muss.

Die US-“Finanzindustrie“ hatte schon vor Wochen begonnen, sich Kryptowährungs-Know-how einzukaufen. Jetzt kommen die ersten, noch sehr vorsichtigen offiziellen Informationen, dass man sehr interessiert ist und die Technologie, nicht die Kryptowährungen selbst, für die Banken angepasst und dann in das bestehende System integriert wird.ii

Weltweit führend ist dabei die deutsche Fidor Bank, die seit Kurzem das Protokoll des Ripple für ihre Transaktionen nutzt. Diese Bank unterhält auch die Seite bitcoin.de, auf der Schein-Geld sicher und einfach in Bitcoins getauscht werden kann, sie ist aber auch der Zahlungsabwickler für wichtige deutsche Crowdfunding-Plattformen. Hier sind noch spannende Entwicklungen zu erwarten.

In China dagegen hat die Peoples Bank of China (PBOC) in einer „nicht offiziell veröffentlichten Aussage“ die Banken aufgefordert, die Zusammenarbeit mit Bitcoin Unternehmen bis zum 10. Mai einzustellen. Dort läuft die Tendenz mittlerweile eindeutig gegen den Bitcoin, wie die chinesische Wirtschaft sich dazu positionieren wird, bleibt abzuwarten.

Aber was passiert bei den anderen Kryptowährungen? Wir sehen hier noch immer eine große Spielwiese. Jeder mit etwas Programmierkenntnissen kann eine neue Währung aus der Taufe heben und wenn sich ein paar Spinner finden, die sie kaufen, besteht die Hoffnung auf schnellen Reichtum.

Es gibt aber auch seit einiger Zeit die Idee, diese Währungen als Parallel- oder Ersatzwährungen für die eigene (frühere) Währung zu etablieren und eine Art regionale Kryptowährung zu erschaffen. Die Deutsche Emark war sehr früh dabei und liegt derzeit in Lethargie, in Island, Spanien, Portugal und aktuell Israel laufen diese Projekte noch etwas aktiver.

Die zweite Generation der Kryptowährungen sind mehr als reines Internet-Geld. Sie können wie beim NextCoin auch als Handelsplattformen genutzt werden, bei der die virtuellen Geldeinheiten mit konkreten Waren, Dienstleistungen oder auch Edelmetallen unterlegt werden. Das würde also eher einem Tauschring mit virtueller Buchführung nahekommen. Noch ambitionierter ist das Projekt Ethereum, in dem neben der Auflage durchaus verschiedener eigener virtueller Währungen selbst Verträge geschlossen und auf Erfüllung überprüft werden können und in dem zumindest Teile des Internets nicht mehr zentral auf Servern abgelegt und verwaltet werden, sondern in einem peer-to-peer-Netzwerk, das weder abgeschaltet, noch kontrolliert und das schon gar nicht zensiert werden kann. Hier wird das Internet gerade neu erfunden. Auf der deutschen re:publika, der mit Abstand weltweit bedeutendesten Netzkultur-Konferenz, war das jedoch in diesem Jahr fast gar kein Thema.

Ein großes Problem haben aber alle wichtigen Kryptowährungen und hier wird die Komplexität des Themas noch einmal sehr deutlich. Es gibt immer noch eine Kopplung an das FIAT-Geldsystem. Wer also sein Schein-Geld in Sicherheit bringen möchte, weil er nicht weiß, ob es morgen noch etwas wert ist, kann sich immer noch Bitcoins, Litecoins oder eine andere halbwegs etablierte Währung einkaufen und dann dort weiterspekulieren.

Perspektive

Wir haben gesehen, wie eine neue Idee von einigen wenigen ausprobiert wird. Irgendwann kamen immer mehr Menschen dazu und fingen an zu spielen und einigen ging und geht es vor allem um das Gewinnen. Wie kann ich schnell viel Geld verdienen? Kreiere eine neue Währung oder spekuliere mit den schon bestehenden.

Aus diesen ersten Erfahrungen entsteht einerseits eine Professionalisierung der bestehenden, ernst zu nehmenden Kryptowährugen und andererseits wachsen daraus neue Ideen wie Handelsplattformen oder neue, verteilte Internets, die auf dem Protokoll der Kryptowährungen basieren. Wir werden sicher sehen, wie die großen Finanz-, Telekommunikations- und Medienkonzerne versuchen werden, sich diese Idee anzueignen – VISACoins, T-Marks, amazonen oder ebayTaler sind einfach technisch sehr naheliegend und unter dem Gesichtspunkt des Marketings können globale Marken mit eigenem virtuellen Geld ihre Konsumhabitate vervollständigen.

Hoffentlich werden wir auch eine parallele Entwicklung dazu erleben, in der eine politische Bewegung das Potenzial dieser virtuellen Währungen erkennt, ein neues, menschlicheres Geldsystem etabliert und sich von bestehenden Geldsystem völlig abkoppelt.

 

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